Aussteigen für immer

Aussteigen – aber bitte für immer!

Dezember 18, 2015 von Corinna - 11 Kommentare

Viele von uns fühlen sich gefangen im eigenen Leben. Wie es ist auszubrechen und sein Leben an sich anzupassen, statt umgekehrt, davon erzählt Steffi. Auf Ihrem Blog Keine Eile, schreibt Sie über ihr Leben auf Rädern und Reifen auf Reisen, aber am besten erzählt sie Euch ihre Geschichte selbst!

Steffi Mania Keine Eile

Mein Name ist Steffi. Zusammen mit meinem Mann Olaf und unserer Hündin Lucy wohne ich in einem ausgebauten LKW mal hier mal da – meistens dort. Bevor ich zum „Leben auf Rädern“ kam, bin ich mit dem Fahrrad gereist. Davor lebte ich in einem Haus, hatte einen ganz normalen Job bei einer Bank – der ganz normale Wahnsinn… Schnell habe ich festgestellt, dass das nicht alles sein kann. 2002 nahm ich ein Jahr Auszeit und bin so auf den Geschmack gekommen. Seit 2007 bin ich wieder unterwegs und mein Leben hat sich komplett geändert.

Wie ich dazu kam, mir eine Auszeit zu nehmen und warum ich nicht mehr zurückfinde

Die meisten machen ihre erste große Reise direkt nach dem Abitur oder nachdem sie ihr Studium abgeschlossen haben. Zu der Zeit habe ich an so etwas noch gar nicht gedacht – das kam später.

Ich machte meinen Bürojob schon ein paar Jahre, als mir irgendwann bewusst wurde, dass das jetzt immer so weiter gehen würden. Morgens viel zu früh aufstehen, den Tag im Büro verbringen, dann Feierabend, noch 2 oder 3 Stunden Zeit für die Dinge, die ich mag und ab ins Bett. Gefülltes Wochenende, selten mehr als 2 Wochen Urlaub am Stück. Für die nächsten 40 Jahre. Wenn ich nichts unternehmen würde.

Also unternahm ich etwas

Der Gedanke ist in mir gereift. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, vom ersten Gedanken an eine Auszeit, bis zur Umsetzung. Aber ich glaube, es ging schnell.

Es ist doch krass, dass ich schon mit Ende 20 eine Auszeit vom Leben brauchte, oder? Und noch krasser, dass es den meisten so geht. Das waren damals meine Gedanken. Dass das Leben einfach so passiert, dass der Alltag uns überrollt und wir irgendwann tatsächlich glauben, wir hätten unser Leben gar nicht selbst in der Hand.

Für mich war es an der Zeit anzuhalten. Und inne zuhalten. Um mir darüber klar zu werden, dass das da mein Leben ist, dass gerade an mir vorbei rauscht. Um es mir zurück zu holen. Um eine Entscheidung zu treffen, wie mein Leben eigentlich sein soll. Wie ich sein will. Und wer ich sein will.

Ich ging also zu meinen Chef und legte meine Kündigung auf den Tisch. Der war fast schon schockiert darüber. Kaum einer meiner Kollegen konnte glauben, dass ich wirklich meinen angeblich so guten Job bei einer Bank aufgeben will. Um eine Radreise zu machen. Ich glaube, sie hielten mich für total bekloppt.

Und dann ging alles ganz schnell. Ich musste zwar noch 6 Monate lang jeden Tag arbeiten gehen, doch die restliche Zeit verbrachte ich mit Reiseplanung. Alleine das und die Vorfreude auf die bevorstehende Auszeit veränderte meinen Alltag und meine Sicht auf die Welt. Ich schnupperte Freiheit.

Wie sehr dann die eigentliche Reise meinen Alltag und meine Sicht auf die Welt veränderte ist kaum in Worte zu fassen. Die Reise hat mich nachhaltig geprägt – was ich allerdings so richtig erst ein paar Jahre später feststellen sollte.

Thailand Radreise Keine Eile

Steffi auf dem Fahrrad unterwegs durch Thailand.

 

Meine Auszeit dauerte ungefähr ein Jahr. 6 Monate davon radelte ich durch Thailand und 2 Monate verbrachte ich auf dem Radweg von Istanbul zurück in meine Heimatstadt.

Kaum zurück bot mir mein alter Chef einen neuen Job an. Eine bessere Position in der gleichen Bank. Es war so leicht. Ich nahm an.

Eine Zeit lang sah es so aus, als würde ich mein altes Leben einfach weiterführen. Die Auszeit war eine kurze Phase meines Lebens, nach der ich “wieder zur Besinnung kam”. Aber so war es nicht.

Immer öfter regte sich in mir Widerstand. Gegen alles. Aber vor allem gegen den geregelten Alltag. Ich wehrte mich dagegen, dass er mich wieder verschluckt. Immer öfter fand ich meine Arbeit, meine Kollegen, das ganz “normale” Leben einfach nur bescheuert. Ich fühlte mich eingeengt. Als würde ich in einer Schublade leben, in die ich nicht rein passe. Ich hatte mich verändert. Ich passte nicht mehr in mein Leben. Und ich zog erneut einen Schlussstrich.

Nur 4 Jahre nach meiner ersten Kündigung fand ich mich erneut im Büro meines ungläubigen Chefs wieder. Dieses Mal war er nicht nur schockiert. Er war auch sauer. Ich schreibe hier so viel von meinem Chef, weil er für mich ein Stellvertreter ist – für all die Leute, für die mein Handeln völlig unverständlich war und ist.

Auch dieses Mal sollte es “nur” eine Auszeit werden. 2 Jahre waren geplant. Wieder eine Radreise nach Thailand. Vor allem, weil mir der „Thai Way Of Life“ so viel gegeben hatte. Aber auch, weil es für mich gar nicht so wichtig war wohin. Ich wollte nicht die Welt entdecken und möglichst weit herum kommen. Ich wollte zu mir selbst reisen.

Leben im Wohnmobil Keine Eile

Im Wohnmobil- auf der Reise zu sich selbst.

Von dieser Reise bin ich bis jetzt nicht zurück gekehrt. Mein Leben hat sich grundlegend verändert. Weil ich es an mich angepasst habe. Seit 6 Jahren lebe ich in und reise mit einem Oldtimer-LKW durch die Lande. Es gibt keinen Alltag mehr, der mich verschluckt. Ich fühle endlich, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. Ich bestimme – mit allen Konsequenzen. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Mit diesem Duft der Freiheit in der Nase, mit der Erfahrung im Herzen, dass es nie die Umstände sind, sondern immer meine Entscheidungen, die mein Leben gestalten – fühle ich mich endlich angekommen.

In meinen Leben.

Geht es Dir vielleicht ähnlich, wie Steffi damals oder gehörst Du eher zu denen, die das alles nicht nachvollziehen können? Wir würden uns über Deine Gedanken zu dem Thema freuen.