HINWEIS:

Ich schreibe hier ausschließlich von meinen Erfahrungen und Erlebnissen. Depressionen verlaufen bei jedem anders. Nochmal: Es handelt sich hier um mein subjektives Empfinden und meine Erlebnisse.

Ich kann hier auch keine Diagnosen für andere stellen. Ich bin keine Ärztin!

Wenn Du Hilfe benötigst, dann wende Dich bitte an die im Artikel stehenden Nummern oder an Deinen Arzt.

Ich antworte Dir aber gerne auf Deine E-Mail und/oder Deinen Kommentar.

Eigentlich hatte ich den Artikel schon fast fertig… Und dann habe ich wieder keinen Pack An bekommen, um ihn zu vollenden. So ist das, wenn man Depressionen hat. Die Antriebsstörung ist nervig, aber leider in dem Moment ein Teil von Dir. Einer, der Dich zusätzlich runterzieht. Man will so viel machen und schafft es einfach nicht.

Ewig habe ich hier nichts mehr geschrieben. Seit sieben Monaten um genau zu sein. In der schnelllebigen Zeit des Internets eine Ewigkeit.

Es ist nicht so, dass ich keine Themen habe, über die ich schreiben könnte. Ich habe sogar eine ganze Liste an Artikeln, die ich gerne noch schreiben würde. Ich schaffe es nur nicht. Es ist wie ein Knoten in meinem Hirn, der die Kreativität abschneidet.

Heute ist wieder eine der Tage, in denen ich nicht aus meinem Schlafanzug komme. Es ist jetzt 15.03 Uhr und ich sitze an meinem Laptop mit ungekämmtem Haar, ungeduscht und ungewaschen und ich habe einen Pyjama an, auf dem Snoopies sind. Von diesen Tagen hatte ich in den letzten Monaten einige.

Doch von vorne… Ich möchte Dir meine Geschichte erzählen.

Hierzu möchte ich vorher aber noch eines sagen. Das hier ist MEINE Geschichte. Jeder Depressive wird es anders erleben und andere Empfindungen haben. Keine Depression gleicht der anderen zu 100%. Bei jedem verläuft sie anders. So ist es bei mir gewesen:

Bist Du betroffen und brauchst jemanden zum Reden?

Wenn Du glaubst, dass Du Depressionen hast und Hilfe brauchst oder einfach nur jemanden zum Reden, dann ist diese kostenfreien Nummer eine gute, erste Anlaufstelle:

0800-1110111 oder 0800-1110222

Meine Geschichte – Wie alles begann

Ich hatte schon einmal Depressionen. Im Jahr 2009. Da war ich bereits in einer Klinik und ich war in Therapie. Die habe ich irgendwann abgebrochen, weil sie mir nichts gebracht hat. Ich hatte auch das Gefühl, dass es mir bessergeht. Vielleicht war es so. Vielleicht ist die Depression aber auch nur auf ein erträgliches Maß abgeschwächt gewesen. Eines mit dem ich umgehen konnte.

Das sie wieder zurück ist, dass habe ich mir erst 2017 wirklich eingestanden. Ich war mittlerweile selbstständig (als virtuelle Assistentin) und ich habe einfach nichts mehr auf die Reihe bekommen. Alles wurde mir zu viel und ich habe immer weniger verdient, weil ich mich nicht aufraffen konnte.

Irgendwann musste ich es mir eingestehen: Ich habe Depressionen!

Es ist gar nicht so einfach, sich diese drei Worte einzugestehen. Es ist aber wichtig, denn wenn man es sich nicht eingesteht, dann kann man auch nichts dagegen tun.

Und das wollte ich. Ich wollte nicht, dass es schlimmer wird. Doch das nächste Problem wartete auf mich: Mit dem Eingeständnis, ist der Damm irgendwie gebrochen.

Es ist ein bisschen wie mit einer Erkältung. Wenn man denkt, dass sie ausbricht und man vorher nur kleine Symptome hatte, dann kann man davon ausgehen, dass man am nächsten Tag flachliegt.

So ungefähr ging es mir: Ich lag flach. Buchstäblich.  Ich bin nicht mehr aus dem Bett gekommen. Ich habe nicht mehr geduscht und aus der Wohnung bin ich nur gegangen, wenn ich wirklich musste. Das Internet und TV haben mich kalt gelassen. Ich habe nur mit leeren Augen auf den Bildschirm gestarrt.

Dann kam der Tag, an dem ich mir gesagt habe: Gut. Ich gebe mir jetzt noch drei Tage. Am Montag suche ich mir Hilfe.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich meinen Kunden schon gesagt, dass ich meine Selbstständigkeit aufgeben muss. Aus gesundheitlichen Gründen.

Wenn Du jetzt glaubst, dass ich hier Aufwind bekommen habe, muss ich Dich leider enttäuschen. Ich habe zwar nach Hilfe gesucht, habe aber keine bekommen.

Termine? Fehlanzeige!

Ich konnte ums Verrecken keinen Termin bei einem Neurologen/Psychiater bekommen. Die Guten sind nämlich auf MONATE im Voraus ausgebucht.

An dieser Stelle bedanke ich mich mal bei den politischen Entscheidungsträgern, die fachärztliche Betreuung begrenzen. Der KV-Bezirk Köln gilt, man lasse es sich auf der Zunge zergehen, als überversorgt. Ja, richtig gelesen. Ü.BER.VER.SORGT!

Als ich bei verschiedenen Neurologen/Psychiatern wegen Terminen nachgefragt habe, lag die durchschnittliche Wartezeit bei etwa 3 Monaten. Ich hätte sicher bei irgendeinem Psychiater einen Termin bekommen, aber irgendwie will man mit einer Krankheit, die in deine Psyche und den innersten Kern, Deines Ichs eingreift, ja auch nicht zu irgendeinem Psychiater.

Kurz am Rande: Die „Überversorgung“ ist deshalb problematisch, weil sich so keine Neuen, guten Psychiater ansiedeln dürfen. Sie dürfen Praxen übernehmen, aber keine Neue eröffnen. Ich zitiere hier mal von der Seite meiner Neurologin, die ich nun endlich gefunden habe:

„Die Verantwortung hierfür tragen die gesundheitspolitischen Entscheidungsträger, die das Angebot fachärztlicher Leistungen straff begrenzt haben. So gilt der KV-Bezirk Köln aktuell auch als überversorgt, obwohl es lange Wartezeiten auf Termine gibt. Wegen der „Überversorgung“ ist es keinem Nervenarzt möglich, sich in der Stadt Köln niederzulassen, es sei denn er übernimmt einen Kassensitz, der von jemand anders aufgegeben wird. Auch die Anzahl der Leistungen, die der Arzt erbringen darf und die Anzahl der Patienten, die in einem Quartal behandelt werden dürfen, sind streng begrenzt, ebenso die Höhe für Arzneimittelausgaben etc..“
(Quelle: http://www.saalmann-schmiegelt.de/termine.html)

3 Monate Wartezeit waren definitiv zu lange. Ich brauchte JETZT Hilfe!

Eine der Praxen, die ich kontaktiert hatte, sagte mir, ich könne bei hoher Dringlichkeit in die für mich zuständige Klinik gehen (so oder so ähnlich war es formuliert).

Die für mich zuständige Klinik befindet sich in Köln Merheim.

An der Haltestelle bin ich früher immer vorbeigefahren, wenn ich zur Schule gefahren bin. Ich wusste jahrelang nicht mal, dass es in Merheim ein ganz normales Krankenhaus gibt. Das hatte den einfachen Grund, dass die Klinik Merheim für uns Kids und Jugendliche nur „die Klapse“ war.

Wenn man jemanden nicht mochte oder er was Doofes gesagt hat, dann hieß es schonmal: „Bald kommst Du nach Merheim!“, „Wir schicken Dich nach Merheim!“ oder auch „Du gehörst doch nach Merheim!“

Kinder können so liebevoll zueinander sein…

Dass ich in diese Klinik also auf keinen Fall zur Behandlung wollte ist irgendwie verständlich oder?

Tja… Nur was sollte ich machen?

Auch hier nochmal der kurze Zwischeneinwurf: Ich bin und war auch niemals selbstmordgefährdet! Das KANN ein Symptom der Depression sein, muss es aber nicht!

Mein Kopf – Ein einziges Durcheinander

In meinem Schädel sah es ungefähr so aus zu der Zeit: „Ich will mich auf keinen Fall in Merheim behandeln lassen! Ich brauche aber Hilfe… Vielleicht mal zu Ambulanz? Hoffentlich behalten die Dich nicht gleich da. Dürfen die sicher nicht. Das wäre ja Freiheitsberaubung. Gehe ich? Gehe ich nicht?“

Man nennt es auch: Grübeln. Ganz typisch für Depressions-Patienten. Pausenloses Gedankenkreisen, das Null Komma Null zielführend ist. Man stellt sich meist irgendwelche Szenarien vor die wahrscheinlich nie eintreten werden. Quasi ein Worst Case Szenario, für alle möglichen Situationen. Auch schön sind Situationen aus der Vergangenheit, die man immer und immer wieder durchspielt, bis sie einen richtig mürbe gemacht haben.

Mittlerweile ging es mir richtig beschissen. Nichts ging mehr. Habe ich ja oben schon beschrieben.

Ich war tatsächlich am Rande der Verzweiflung. Ich brauchte Hilfe. Nicht nur das. Ich wollte sie auch! Das ist ein wichtiger Punkt! Nicht allen geht es so.

Eine Depressive in der Ambulanz

Also habe ich mich in den Bus gesetzt und bin zu der Klinik gefahren. Ich war die ganze letzte Zeit fertig mit den Nerven, aber in der Öffentlichkeit gefasst. Wenn ich es nicht war, dann bin ich nicht rausgegangen. So einfach war das.

Dass ich mich an dem Tag aufgerafft hatte zu der Klinik zu fahren, war ein gutes Zeichen. Es war also ein relativ guter Tag.

Dann bin ich zur Anmeldung gegangen. Ich habe etwas ausgefüllt. Alles gefasst. Dann sollte ich warten bis der Arzt Zeit für mich hat und während ich da so sitze, breche in Tränen aus. Ich kann überhaupt nicht mehr aufhören zu weinen und ich habe tatsächlich eigentlich keinen ersichtlichen Grund.

Es ist nicht die Tatsache, dass ich mich in der Klinik befinde, in die ich nicht wollte. Eigentlich ist es noch nicht mal die Tatsache, dass ich jetzt in irgendeiner Klinik sitze, weil ich Depressionen habe. Ich weine einfach so. Weil ich nicht anders kann. Weil mir einfach alles zu viel ist. Die Situation, meine Probleme, ich… die Depressionen!

Der Arzt war super. Er hat nicht viel geredet. Er hat mir zugehört, wie ich mich in einem Schwall aus Tränen und Worten versuche zu erklären. Ich habe mich sogar für meine Tränen entschuldigt. Da meinte er dann, dass es überhaupt keinen Grund dafür gibt.

Anders als ich es mir erhofft hatte, habe ich allerdings keine Medikamente bekommen.

Ich hatte nämlich folgende Vorstellung: Ich finde keinen Termin, also sollen die jetzt anfangen, mich medikamentös einzustellen… In der Ambulanz.

Ja ich weiß. Im Nachhinein denke ich mir auch: Ganz schön blöd.

Gegangen bin ich mit 4 leichten Schlaftabletten, damit ich endlich mal wieder erholt schlafen kann. Leicht dosiert natürlich, denn auch der Arzt kann mir nur vor die Stirn schauen, auch wenn ich immer wieder beteuert habe, dass ich meinem Leben kein Ende setzen will.

Eine extrem verantwortungsbewusste Entscheidung des Arztes, auch wenn sie mich frustriert hat. Was sollte ich mit Schlaftabletten? Ich wollte ein Antidepressivum!

Mit den Tabletten hat er mich auch gleichzeitig auf eine Liste gesetzt, damit mich jemand vom Case Management anruft. Die verteilen die Plätze in der Klinik.

In der Klinik in die ich ja nicht will. Habe ich auch mehrfach betont. Ganz toll.

Als ich daheim war und meine Mutter von der Arbeit zurück, bin ich fast zusammengebrochen. Ich hatte das Gefühl, dass mir nun wirklich keiner mehr helfen kann. Ich bekomme keinen Termin. In der Klinik bekomme ich keine Medikamente. Was mache ich jetzt also?

Na ja… Nachdem ich dann mal wieder vernünftig geschlafen hatte, ging es wieder einigermaßen und es stand noch ein wichtiger Termin für mich an. Einer, auf den ich mich gefreut habe. Das war eine ziemliche Seltenheit in dieser Phase. Freude… Deshalb wollte ich ihn auch wahrnehmen. Zudem hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, ihn so kurzfristig abzusagen.

Die Rede ist von einer Pressereise mit der Arosa über die Donau. (Auch hier bin ich noch den Artikel schuldig und das tut mir WAHNSINNIG leid!) Die Pressereise war der Knaller, aber ich habe dennoch gemerkt, wie anstrengend das Ganze für mich ist.

Dazu musst Du wissen: Pressereise hört sich wahnsinnig toll an, aber sie sind auch extrem anstrengend. Man ist schließlich nicht zum Vergnügen unterwegs. Man macht sich ständig Notizen, schreibt schonmal vor, ist evtl. auch in zeitlichem Stress und man will alles abspeichern, damit man auch ja nichts vergisst, über das man am Ende berichten will.

Tja… Mit ‘nem depressiven Hirn funktioniert das irgendwie nur so Mittel.

Auch nicht gerade hilfreich war, dass ich mir Kopftechnisch totalen Stress gemacht habe, dass dieser Artikel noch geschrieben werden muss.  An irgendeinem Punkt habe ich den aber dann ablegen müssen. Es ging einfach nicht mehr anders.

Dazu muss ich sagen, dass ich den Artikel schon mindestens zu 50% fertig habe, allerdings irgendwann an einem Punkt war, an dem wirklich einfach NICHTS mehr ging. Gar nichts mehr. Genau. Noch weniger, als oben schon beschrieben. Ich war so fertig, dass ich manchmal nur an die Decke gestarrt habe. Die Zeit tröpfelte so vor sich hin und irgendwann war der Tag rum… und ich nicht aufgestanden. Na ja… Morgen vielleicht. Dann suche ich mir auch die Klinik, die ich so dringend brauche… vielleicht.

Alles kommt anders, als man denkt

Ich wollte mir eigentlich wieder eine Klinik raussuchen, die nichts von Krankenhaus hat. Ich wollte mich schließlich erholen und ich war der festen Überzeugung, dass ich das nicht in einem Haus kann, dass aus jeder Pore „Krankenhaus“ schreit.

Es half aber alles nichts. Als mich die unglaublich hilfreiche Dame (KEINE Ironie!) aus dem Case Management der Klinik in Merheim noch einmal angerufen hat, um mir auf den Anrufbeantworter zu sprechen, dass sie mich jetzt von der Liste streicht, weil ich mich nicht mehr gemeldet habe, hatte ich meinen Entschluss plötzlich gefasst.

Ich habe sie zurückgerufen und gebeten, mich auf der Liste zu lassen, weil ich den Platz auf der Depressionsstation haben will. Sie sagte mir dann, dass das kein Problem sei und ich die erste Frau auf der Liste bin. Sobald ein Frauenbett frei wird (Die Station ist gemischt), dann ist das meins.

Keine zwei Wochen später befand ich mich in der LVR-Klinik in Merheim, die für die nächsten 9,5 Wochen mein Zuhause und mein Rückzugsort waren.

Ich habe vorher wirklich überlegt, ob ich einfach still und heimlich gehe. Hätte vermutlich eh keiner meiner Leser gemerkt, weil ich ohnehin so ruhig war, das ganze Jahr.

Ich habe mich dagegen entschieden. Ich wollte es Öffentlich machen. Nicht weil ich die Aufmerksamkeit wollte, sondern weil ich die Chance gesehen habe, zu sensibilisieren und Depressionen, die längst eine Volkskrankheit sind, aus der Tabuzone zu holen.

Also habe ich folgendes gepostet:

Das hat mich ein bisschen Überwindung gekostet, aber nicht sehr viel. Ich war schon immer ein offener Mensch und ich muss mich nicht schämen, nur weil ich krank bin. Punkt. Trotzdem war ich total gerührt von den Reaktionen und den lieben Genesungswünschen. Ich habe sie teilweise erst in der Klinik gelesen.

Die Klinikzeit

Tja… was soll ich sagen? Es war intensiv! Sehr intensiv! Ich habe so unglaublich viel über mich gelernt und Menschen kennengelernt, mit denen ich über meine Krankheit reden konnte, ohne dass mich irgendwer mitleidig angeschaut hat oder versucht hat, mir irgendwie zu helfen und es doch nicht konnte.

Die Klinik ist das Beste, was mir hätte passieren können. Ich hatte Ärzte, die genau wissen, was sie zu tun haben und die auf mich gehört haben, wenn ich ein Medikament nicht wollte und auch begründen konnte warum. Ich hatte eine Therapeutin, die mich absolut grandios behandelt hat und der ich gar nicht genug danken kann. Ich empfinde ihr gegenüber wirklich eine tiefe Dankbarkeit. Ich hatte wirklich wahnsinniges Glück, bei ihr zu landen.

Sie hat mich nicht nur erzählen lassen, sondern hat viele Situationen mit ihren persönlichen Erlebnissen geschildert. Das hat sie greifbar gemacht. Ich konnte mich ihr öffnen und habe ihr vertraut und dadurch konnte sie am Ende eine Diagnose stellen, von der ich vor einem Jahr dachte, ich hätte es und es dann wieder verworfen habe.

Ich habe nämlich nicht nur Depressionen, sondern auch ADS. Ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom.

Wie macht sich das bemerkbar?

  • Ich bin leicht ablenkbar
  • Ich kann mich sehr schlecht konzentrieren
  • Ich bin schnell für etwas zu begeistern, gehe es mit hohem Elan an, nur um diesen dann in einem rapiden Abfall zu verlieren und mich dann nicht mehr aufraffen zu können.
  • Ich kann mir auch viele Sachen nicht kurzfristig merken. (Letztens habe ich direkt nach dem Auflegen noch einmal beim Arzt anrufen müssen, damit sie mir noch einmal die Uhrzeit sagen!)
  • Vieles rutscht mir durch, weil ich nur die Hälfte, wenn überhaupt, mitbekommen habe.
  • Ich brauche sehr lange, um etwas zu lernen. Wenn ich es aber einmal begriffen habe, dann verlerne ich es meist nicht so schnell.

Ich habe sogar schon Mechanismen entwickelt um dagegen zu steuern! Ich setzte mir zum Beispiel ALLES als Termin in mein Smartphone und lasse mich dann erinnern.

48 Stunden vorher (Du hast bald diesen Termin!)

24 Stunden vorher (Ich weiß.. Gestern war noch Zeit, aber heute solltest Du es nicht vergessen!)

12 Stunden vorher (Denk bloß daran, dass Du diesen Termin hast!)

2 Stunden vorher (Echt jetzt? Hast Du es schon wieder vergessen? Mach Dich jetzt fertig! Du musst gleich los!)

Und mit Alles, meine ich ALLES. Selbst wenn ich mit dem rausstellen der Mülltonnen dran bin… Gut… Da reicht eine Erinnerung, aber wenn ich wichtige Termine habe, dann MUSS ich mich so daran erinnern. Für mich funktioniert es nur so.

Ein Freund (den ich in der Klinik gefunden habe) hat es relativ schnell verstanden. Wenn er wollte, dass ich eine Sache wirklich NICHT mache, dann hat er sie drei bis viermal in immer anderen Satzstellungen wiederholt. Als ich irgendwann mal leicht genervt war, meinte er: Ich appelliere nur an dein ADS-Hirn. In dem Moment hat es bei mir Klick gemacht. Er hatte nämlich Recht. Dadurch das er es so eindrücklich wiederholt hat, ist es hängen geblieben. Faszinierend, wie so ein Gehirn funktioniert.

Doch das ist nicht das Einzige, was ich in der Klinik gelernt habe. Wir hatten Psychoedukationen, in denen über die Krankheut aufgeklärt wurde, Medikamentenschulungen in denen uns die verschiedenen Wirkstoffe erklärt wurden, Einzeltherapien und Interpersonelle Psychotherapie in der Gruppe in der verschiedene Zwischenmenschliche Dinge durchgegangen wurden und wo wir gelernt habe, wie wir uns evtl. verhalten können oder wie wir das Verhalten von anderen deuten können um adäquat zu reagieren (Zwischenmenschliche Beziehungen leiden nämlich sehr unter der Krankheit), wir hatten Ergotherapie und jeden Tag Bewegung und Sport und wir haben gelernt, wie wir uns selbst wieder runter kriegen können.

Das kann bei jedem anders sein. Ich hatte weder Panikattacken, noch Selbstmordgedanken, noch körperliche Schmerzen. Das hat manchmal dazu geführt, dass ich dachte, den anderen geht es viel schlechter als mir und irgendwann saß ich heulend im Pfleger Zimmer, weil mich irgendetwas total gestresst hat. Da habe ich dann gemerkt: Nö… Dir geht’s nur anders scheiße, als den anderen. Du gehörst hier her.

Ich war am Ende 9,5 Wochen in stationärer Behandlung. Alleine das sollte mir schon zeigen, dass es nötig war. Danach war ich nochmal gut 2 Wochen in der Tagesklinik. Insgesamt also fast 12 Wochen. Fast ein Vierteljahr. Es war sogar bitter nötig!

Ich habe Menschen kennengelernt, die zu Freunden wurden und die in der „kurzen“ Zeit, mehr über mich erfahren haben und umgekehrt, als mancher Mensch, der mich seit Jahren kennt. Menschen, die ich auf keinen Fall mehr missen möchte.

Am Ende kann ich sagen, dass ich dankbar bin, für die Zeit, die ich in der Klinik verbracht habe, auch wenn ich mich gesträubt habe. Es war nicht die beschissenste Zeit meines Lebens! Die war vorher! Ich kann sogar sagen, dass es teilweise eine gute Zeit war!

Was sind die Symptome von Depressionen?

Depressionen brauchen nicht zwangsweise einen Grund. Sie können eine Ursache haben (was meistens so ist), müssen sie aber nicht!

Sie verlaufen bei jedem anders. Es gibt einige Parallelen und Symptome die gleich sein können, aber sie müssen es nicht.

Die Symptome von Depressionen sind vielfältig. Es gibt eigentlich nicht DIE Symptome, die zeigen, dass man Depressionen hat und andere die beweisen, dass man sie nicht hat.

Generell sagt man, wenn man sich länger als zwei Wochen am Stück so schlecht fühlt, dann hat man schonmal eine depressive Verstimmung und sollte definitiv auf sich Acht geben.

Kliniken sind für den Akutfall da. Wenn es einem wirklich RICHTIG beschissen geht. Das ist bei jedem an einem anderen Punkt erreicht. Manche müssen sich jahrelang schlecht fühlen, bis sie den Punkt erreichen, an dem nichts mehr geht und wo sie eigentlich sogar noch funktionieren würden und andere erreichen nach kurzer Zeit den Punkt an dem nichts mehr geht und sie auch nicht mehr funktionieren.

Wenn es Dir schlecht geht, dann ist eine gute erste Anlaufstelle der Hausarzt, die Klinik/ Ambulanz in der Nähe oder eine Einrichtung die sich um psychisch Kranke kümmert. Auch ein Neurologe/Psychiater oder ein Therapeut sind gute Ansprechpartner.

Bist Du betroffen und brauchst jemanden zum Reden?

Wenn Du glaubst, dass Du Depressionen hast und Hilfe brauchst oder einfach nur jemanden zum Reden, dann ist diese kostenfreien Nummer eine gute, erste Anlaufstelle:

0800-1110111 oder 0800-1110222

Wenn Du nicht in eine Klinik willst, weil Du Angst hast, nicht mehr raus zu kommen, dann kann ich dich beruhigen. Psychiatrische Kliniken sind keine Kliniken, in denen Du ans Bett gefesselt wirst und mit Elektroschocks behandelt wirst. Diese Zeiten sind, Gott sei Dank, lange vorbei. Trotzdem haben viele Menschen noch Horror-Vorstellungen im Kopf.

Ja, es gibt geschützte Stationen („Geschlossene“). In die kommst Du aber nur, wenn Du eine Gefahr für Dich oder für andere bist. Auch wenn Du Selbstmordgedanken hast, was manche Depressive habe, aber nicht alle (siehe mein Fall), dann heißt das nicht automatisch auch, dass Du eine Gefahr für Dich bist.

Nur wenn ein Arzt oder Pfleger auch das Gefühl hat, dass es nun Ernst ist und die Gedanken umgesetzt werden könnten, würden sie dich auf eine geschützte Station stecken und dann auch nur solange, bis diese Episode vorbei ist und selbst wenn das der Fall ist, dann wirst Du dort nicht an Dein Bett geschnallt. (Es sei denn, Du rastest aus und greifst Mitpatienten oder Pfleger an.)

In allen anderen Fällen bist du freiwillig in der Klinik. Wenn du gehen willst, kann dich keiner aufhalten! Wenn Du das Gefühl hast, dass Dir die Klinik absolut nichts bringt, dann darfst Du gehen!

Es gibt verschiedene Schweren der Krankheit und es gibt unzählige„Nebensymptome“.

Häufige Symptome sind

  • Die typische Niedergeschlagenheit
  • Antriebsarmut (wenn Du Dich einfach zu nichts mehr aufraffen kannst)
  • Grübeln (Die Gedanken kreisen wie wild im Kopf, man spinnt Szenarien und es sind Gedanken, die kein Ergebnis haben, die man aber trotzdem nicht abstellen kann)
  • Schlafprobleme (Ich war oft extrem müde und konnte die ganze Zeit schlafen, während andere es gar nicht mehr können.)
  • Das sexuelle Verlangen geht zurück oder ist gar nicht mehr da.
  • Man hat starke Unruhe oder innere Anspannung

All diese Symptome der Depressionen sind typisch und tauchen bei den meisten auf, aber ich betone nochmal. Das muss nicht unbedingt so sein. Bei jedem verläuft die Krankheit anders. Das sind nur die häufigsten Symptome. Wenn Du nicht alle davon hasst, heißt das nicht das Du nicht depressiv bist. Es heißt aber auch nicht gleich, dass Du Depressionen hast, wenn Du gerade eins oder mehrere dieser Anzeichen hast.

Fakten über Depressionen

(Quellen: Statista und frnd.de)

Millionen Depressive Weltweit (ca.)

Millionen Depressive in Deutschland (ca.)

vertragsärztliche Therapeuten in Deutschland (Stand 2016)

%

Ersterkrankte in Deutschland / Jahr (ca.)

%

holen sich Hilfe (ca.)

Übrigens sind fast 80% der Menschen überzeugt davon, dass Antidepressiva süchtig machen. Das ist nicht richtig. Oft werden allerdings zusätzlich Beruhigungsmittel und Schlaftabletten verschrieben. Diese können süchtig machen. (Quelle: frnd.de)

Wie geht es mir heute?

Kurz nach der Klinik ging es mir super. Doch plötzlich muss ich alles wieder alleine regeln. Ich muss für mich kochen, einkaufen und den ganzen alltäglichen Kram erledigen. Das ist manchmal verdammt schwer.

Momentan habe ich wieder eine schlechtere Phase. Sie ist nicht so schlecht, wie vor der Klinik, aber es ging trotzdem schon mal besser. Ich weiß aber, dass es an mir liegt, die Dinge wieder zu richten. Die Klinik hat mir die Werkzeuge dafür gegeben. Ich muss nur den Antrieb finden, sie hochzunehmen und zu verwenden.

Wie geht es mit dem Blog weiter?

Eine gute Frage. Ich habe mir den kompletten Stress rausgenommen. Ich werde veröffentlichen, wenn ich es möchte. Das kann mal mehr und mal weniger sein. Mir ist bewusst, dass ich dadurch eventuell Leser verlieren kann. Das tut mir leid, aber ich möchte mich einfach nicht mehr stressen.

Es macht mir immer noch Freude zu schreiben, aber (auch durch meine ADS) verliere ich manchmal schnell die Lust. Ich versuche mich dahingehend zu bessern. Das nervt mich nämlich selber.

Ich wette Du kennst das auch: Keiner kann Dir mehr auf die Nerven fallen, als Du selbst. Bei mir ist das nicht anders.

Ich werde das Thema Reisen immer noch im Fokus des Blogs haben, möchte aber vielleicht neue Aspekte meines Lebens zeigen. Ich möchte über Depressionen schreiben und Dir zeigen, dass man sich nicht schämen muss, wenn man sie hat.

Genauso habe ich aber auch über mich gelernt, dass Reisen nicht mehr alles für mich ist. Ich habe Spaß daran zuhause zu sitzen und zu basteln. Das könnte also auch ein zukünftiges Thema sein. Das würde ich dann aber gerne ein wenig separater behandeln.

Du merkst schon, dass ich mir noch nicht ganz einig mit mir bin. Es wird sich finden. Ich stresse mich nicht mehr. Wenn ich schreiben will, dann schreibe ich. Wenn ich posten will, dann poste ich und wenn ich das alles nicht will… Dann lasse ich es.

Ich hoffe Du hast Verständnis dafür. Ich habe immer versucht ehrlich zu sein und nicht zu beschönigen, wo es nichts zu beschönigen gibt. Ich bin kein Freund davon auf Glitzer auf Scheiße zu streuen, damit sie besser ankommt oder ich Erwartungen erfülle. Das werde ich jetzt noch mehr durchziehen. Ich hoffe Du bist auch in diesem Abschnitt meiner Reise dabei! Ich würde mich freuen! Ich mag Dich nämlich!

Leidest Du vielleicht selber an Depressionen? Wenn Du magst, kannst Du mir Deine Meinung über den Artikel oder Deine eigenen Erfahrungen in die Kommentare schreiben. Wenn Du das nicht so öffentlich machen möchtest, kann ich das aber sehr gut verstehen. Falls Du mir trotzdem Deine Geschichte erzählen willst oder einfach einen Rat oder meine Meinung hören willst, dann schreib mir gerne eine E-Mail unter corinna@aussteigenbitte.de

Ich freue mich!

Bist Du betroffen und brauchst jemanden zum Reden?

Wenn Du glaubst, dass Du Depressionen hast und Hilfe brauchst oder einfach nur jemanden zum Reden, dann ist diese kostenfreien Nummer eine gute, erste Anlaufstelle:

0800-1110111 oder 0800-1110222

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Corinna

Corinna

Corinna ist, auf ihrer Neuseelandreise, vom Travelbug gebissen worden und sucht seitdem ständig nach neuen Reisezielen. Durch ihre Ausbildung zur Kosmetikerin und Wellness-Spa-Masseurin, kennt sie sich mit Auszeiten aus und ist ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, ihren, manchmal chaotischen, Kopf frei zu bekommen.

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